Der erste Montag im September: Ein Problem, das sich wiederholt
Es ist 7:50 Uhr, der Gang der NMS Brüsslgasse füllt sich, und ein Mädchen bleibt mit ihrem Rucksack vor der falschen Tür stehen. Sie sucht den Raum 2B, findet aber nur die 2C. Solche Szenen wirken unspektakulär, doch sie zeigen den Kern des Problems: Der Übergang von der Volksschule in die Mittelschule ist für viele Kinder kein organisatorischer, sondern ein emotionaler Bruch. Neue Räume, neue Lehrkräfte, neue Hierarchien – wer in den ersten Wochen den Anschluss verliert, zieht sich oft monatelang zurück.
Die Ursache sitzt selten im Mathebuch
Die Ursache liegt häufig nicht in fehlendem Fachwissen. Sie liegt in fehlender Orientierung: Wer weiß, wo die Toilette ist, wen man bei Problemen anspricht und wie man in einer Gruppe Anschluss findet, kann sich auf Unterricht einlassen. Wer das nicht weiß, wirkt unkonzentriert oder aggressiv. Genau hier setzt Holly Win an – nicht als zusätzliche Unterrichtsstunde, sondern als strukturiertes Peer-Mentoring, das ältere Schüler:innen als Brückenbauer einsetzt.
Holly Win setzt bei den Älteren an
Konkret bedeutet das: Schüler:innen der vierten Klasse werden zu Mentor:innen ausgebildet. Sie treffen ihre Patenkinder aus den ersten Klassen alle zwei Wochen für 45 Minuten. Die Gruppen sind klein, maximal sechs Kinder. Jede Sitzung folgt einem festen Ablauf aus Ankommen, einer kurzen Aktivität und einer Reflexionsrunde. Die Mentor:innen erhalten Checklisten und Karten mit Gesprächsanlässen – etwa: Wo fühlst du dich in der Schule sicher? Was war diese Woche schwierig? Wer kann dir helfen? Die Lehrkräfte bleiben im Hintergrund und moderieren nur die Vorbereitung.
Ein Nachmittag aus dem Modul
An einem Dienstag im Oktober sitzt Mentorin Elif mit vier Kindern aus der 1A im Besprechungsraum. Auf dem Tisch liegen Karten mit Schulräumen. Ein Junge sagt, er traue sich nicht, in der Pause in den Hof zu gehen, weil dort die älteren Schüler:innen Fußball spielen. Elif zeigt ihm zwei Wege: den seitlichen Eingang und den Kontakt zu einer Aufsichtsperson. In der nächsten Woche geht sie mit ihm gemeinsam hinaus. Das klingt klein, ist aber der Unterschied zwischen Rückzug und Teilhabe.
Was sich nach zwölf Wochen zeigt
Die Wirkung ist nicht als spektakuläre Zahl messbar, sondern in Alltagsszenen: Kinder fragen früher nach Hilfe, Mentor:innen übernehmen Verantwortung, Lehrkräfte erhalten Hinweise, die im Unterricht sonst untergehen. Entscheidend ist die Regelmäßigkeit. Ein einmaliger Willkommensvormittag reicht nicht; Holly Win funktioniert, weil die Treffen verlässlich im Stundenplan stehen und die älteren Schüler:innen Begleitung statt Belehrung lernen.
Was andere Schulen übernehmen können
Drei Bedingungen lassen sich übertragen:
- Die Schulleitung muss Zeitfenster fest im Kalender verankern.
- Mentor:innen brauchen eine kurze, praxisnahe Schulung zu Gesprächsführung und Grenzen.
- Die Patenkinder bleiben über mindestens ein Semester in derselben Gruppe.
Wer den Schulwechsel nicht dem Zufall überlassen will, beginnt am besten nicht mit einem großen Konzept, sondern mit einer festen halben Stunde alle zwei Wochen – und mit der Frage, welches Kind gerade vor der falschen Tür steht.

